Das Konstrukt

Ich bin ja schon lange der Meinung das ich irgendwie nur Verhaltensweisen habe, die nicht ’normal‘ sind, hatte ich ja schon erwähnt. Natürlich soll man nicht alles pathologisieren und bei einigen Dingen fehlt mir wohl einfach etwas zum vergleichen. Es gibt aber auch Dinge, die ich bisher einfach nicht im rechten Licht gesehen habe und es ist gerade doch etwas frustrierend, das die Liste immer länger wird. Der Wunsch mich zu verstecken, mich aus allem sozialen herauszuziehen und herauszuhalten wird wieder stärker. Eine gesunde Beziehung führen … zwischenmenschlich wird das meiste bei mir durch pathologisches Verhalten kontrolliert. Und selbst das hier zu schreiben widerstrebt mir gerade mal wieder und wirft wieder die Fragen auf, die ich mir seit einigen Wochen ständig stelle: Warum schreibst du das? Willst du wieder Aufmerksamkeit und Mitleid? Manipulierst du wieder? Erzählst du die Dinge wirklich so, wie sie sind, übertreibst du oder stellst du dich besser/schlechter dar als du bist? Das ist anstrengend.

Ja, ich hatte nie ein Problem damit einem Fremden meine ’schlimmsten‘ Erlebnisse zu erzählen. Ich strahle und lächle während ich davon erzähle wie ich geschlagen wurde. Die Zeit auf der Straße, das Heroin, Hep-C, Interferon. Ich lächle. Sollte ich heulen? Ich gehe gerne mit meinem Wissen hausieren, zeige gerne wie ’schlau‘ ich doch bin, habe zu allem eine Meinung. Ich stehe gerne im Mittelpunkt, egal wodurch. Wenn mir meine soziophobische Ader da nicht immer wieder Einhalt gebieten würde, wäre das alles noch um einiges extremer. Ich bin abhängig von Bestätigung durch andere, sei es im Job oder privat. Will hören wie toll ich bin oder wie schlimm das ja gewesen ist. Bewunderung oder Mitleid, hauptsache Aufmerksamkeit. Nebenbei ist mir dann das Lob aber auch gleichzeitig peinlich oder ich denke, so schlimm war das doch gar nicht. Ambivalenz FTW.

Ja, ich flirte viel, setze meinen Charme ein, wo es nur geht und auch da wo es absolut unangebracht ist (siehe meine letzte Therapeutin). Freundschaften, vor allem mit Frauen, sehe ich sehr schnell als intensiver an, als sie sind. Ich entdecke Zeichen die nicht da sind und bin innerlich schon fast bei einer Beziehung mit der Dame. Dementsprechend sind natürlich meine Reaktionen die dann mein Gegenüber so überhaupt gar nicht verstehen kann, natürlich.

Es ist tatsächlich deprimierend das alles zu erkennen, zu bemerken wie wenig man sich doch kennt. Und nun? Ja … was nun? Therapie, klar. Sollte dem Therapeuten von Anfang an meine Mechanismen offen legen, falls er nicht von alleine dahinter kommt. Oder? Und wie mache ich nun im sozialen Bereich weiter? Diese ständige Manipulation meinerseits will ich nicht weiterführen. Ich möchte gesunde Freundschaften haben und auch vielleicht mal eine gesunde Beziehung. Aber gerade sehe ich das nicht. Gerade fühle ich mich wie gelähmt und will am liebsten mit niemandem mehr Kontakt haben und das, obwohl ich gerade jetzt, jemanden zum reden brauche. Aber, würde ich dann die Wahrheit sagen? Würden wieder die ganzen kaputten Mechanismen greifen? Würde ich es sehen, zugeben und ändern? Ich bin ein Konstrukt, gebaut aus Lügen.

6 Kommentare zu „Das Konstrukt

  1. Vielleicht wartest du auf die Person, die deine Fassade aufbricht. Die dir dein Lachen aus dem Gesicht holt und du endlich ob deiner Geschichte trauern kannst. So war es bei mir. Ich gab auch an mit dem Horror. Weil ich es nicht fühlte. Bis ich es fühlte. Seit dem kann ich kaum noch drüber reden.

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    1. Hm, ich weiß nicht ob ich das will. Vor einiger Zeit hatte ich mal den Anflug eines Flashbacks, das hat mir eigentlich schon gereicht. Aber, wenn’s zum Heilungsprozess gehört, werde ich es wohl erleben. Ein gesünderer Umgang mit dem ganzen wäre schon irgendwie wünschenswert.

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      1. Es gehört dazu. Irgendwie. Die Seele wächst mit den Aufgaben. Sich über ein Wenn und Ob zu zermürben bringt nichts. Das hier und Jetzt ist im Moment entscheidend. Auch weil du keine professionelle Hilfe gerade hast.

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  2. uh und ps. Das was du beschreibst, habe ich auch, in mir. Ich war so, als ich total am Ende war. Am Ende wusste ich, dass das Histrionische ist. Mein Kernproblem. Zugrunde, eine gebrochene Seele. Nun Histrionisch ist selten und bei Männern noch seltener. Du hast dich durchblickt, doch du begreifst nicht wieso. Da wird dir kein Borderline- Ratgeber helfen. Ich hätte da einen Buchtyp. Du schreist so laut um Aufmerksamkeit, weil du nicht lernen durftest, dass ein kleines Hilfe eine Wirkung hat. Erst wenn du gebrüllt hast, wurdest du vielleicht mal gesehen. Vielleicht. Darum glaubst du, dass alles was du denkst oder fühlst entweder falsch oder unangebracht ist. Darum die Bestätigung von außen. Sag mir was ich fühle, sag mir, dass ich das denken darf. Die ständige Frage lautet: Darf ich das so machen? Oder ist es nur ein Hirngespinnst von mir. Wieder Küchenpsychologie… Weißte ja.

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    1. Jop. Aber so langsam reicht es mir auch mit der Selbsterkenntnis. 😀 Ich meine, okay, sind alles zusammenhängende Dinge, aber trotzdem. Ich kann’s aber auch nicht lassen drüber nachzudenken, das kratzt am Ego irgendwie. Naja, ist alles noch frisch… Zeit drauf werfen und schauen wie der neue Therapeut ist.

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      1. das ist am Anfang immer so. Alles kreiselt darum man denkt und denkt und denkt. Es aufzuschreiben hilft. Nicht hier nicht breit. Mir hat geholfen den Gräultaten Überschriften zu geben. Dann waren sie real und nicht mehr nur im Kopf

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