Krank == Liebe

Ich bin auf dem Weg in’s Büro und es sind ein paar Umstände aus meiner Kindheit vor meinem geistigen Auge aufgetaucht. Teilweise wusste ich das schon, teilweise hatte ich das total vergessen.

Ich hatte in meiner frühen Kindheit Krupp Husten. Ich habe wohl viel Zeit im Krankenhaus verbracht, mitten in der Nacht raus weil ich fast erstickt wäre. Ich erinnere mich an große, runde, grüne Tabletten, die ich nehmen musste, aber nicht wollte, an den ekligen, rosa Saft und an die Kuren auf denen ich in den folgenden Jahren gewesen bin, bereits als kleines Kind und natürlich alleine.

Einige Episoden sind aus diesen Kuren hängen geblieben: Kuhfladen, Bernstein, frisch geschlachtete Kuhhälften hingen blutend an einem Traktor, Plastik-Fensterbilder basteln und der seltsame Geruch, werken mit Ton, Wald- und Nachtwanderungen, Gebirgsbäche die nach Metall schmeckten, sexueller Missbrauch durch andere Jungs gegen Schokolade (Schogetten), Dampfnudeln mit Vanillesoße und das ich davon kotzen musste, Läuse, Verwahrlosung, Busfahrten.

Aber, eine Erkenntnis, die entweder wichtig ist oder nicht, ist: die einzigen Zeiten in denen ich das Gefühl von Zuneigung und Liebe von meiner Mutter bekam waren, wenn ich krank war. Ich wurde im Krankenhaus besucht und bekam Geschenke, Mama nahm sich frei und umsorgte mich zu Hause, alles bekam ich gebracht und ich erinnere mich daran, das ich trotz Krankheit, glücklich war. Mama war da, kümmerte sich, war lieb und nett. Ich erinnere mich daran, das ich häufig Krankheit vortäuschte. Dadurch, das ich immer leicht erhöhte Temperatur hatte, was das meistens recht einfach. Ich durfte im Wohnzimmer auf der Couch liegen und so viel Fernseh schauen, wie ich wollte. Urlaub mit meiner richtigen Mama, so fühlte es sich irgendwie an.

Interessant das mir dies gerade jetzt einfällt. Aber ob das nun irgendetwas mit der aktuellen Situation zu tun hat … Spekulation. Ich bin kein Psychologe und habe keine Ahnung wie ich das nachprüfen könnte. Und wenn dem so wäre, würde es etwas ändern? Würde ich mich besser fühlen, wenn ich wüsste das auch dies wieder nur Scheiße aus meiner Kindheit ist? Keinen Plan. Natürlich arbeitet das nun in mir, klar. Aber dadurch wird nichts, was ich getan habe, relativiert. Und meine Mutter hatte es ja wohl nur gut gemeint, das kann man ihr ja nicht wirklich vorwerfen. Vielleicht schmeißt mir mein krankes Hirn das auch einfach nur gerade jetzt vor die Füße, damit ich mir eine zusammengeflickte Rechtfertigung schneidern soll, aber das funktioniert so nicht.

Nun denn, bin im Zug und muss bald in die Bahn umsteigen. Wollte das auch nur festhalten, damit es nicht wieder in Vergessenheit gerät.

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