Lucy

Das wird wieder ein etwas längerer Post. Lucy war die erste große Liebe in meinem Leben und die erste, bei der mein Profil so richtig zum tragen kam. Es ist lange her, vierzehn Jahre, und doch konnte ich erst kürzlich mit den Gefühlen zu ihr wirklich abschließen.

Ich glaube wir haben uns im Frühsommer 1999 im Bonner Loch kennengelernt. Ich stand da und hörte Musik, Theatre Of Tragedy – Der Tanz Der Schatten, sie sprach mich an was ich da hören würde und das war dann der Anfang vom Ende. Ich habe kaum noch detailierte Erinnerungen wie alles genau ablief. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick. Ich weiß noch, das wir recht schnell im Bett gelandet sind. Es hat alles so gut gepasst zwischen uns, gedanklich wie auch im Bett. Ich hatte eine wirklich schöne Zeit, ein paar glückliche Monate. Ich war so unsterblich verliebt.

Dann kam die Loveparade ’99. Wir fuhren mit den günstigen Zügen nach Berlin, hat einen halben Tag gedauert. Im Zug war es heiß und voll und wir hatten einiges an Drogen intus. Pepp, Ecstasy, Pappen. Ich kam gar nicht auf all die Menschen klar, ständig wurde man angerempelt oder angegrapscht. In Berlin angekommen, war ich richtig mies drauf gewesen. Lucy hatte sich wohl mit irgendwelchen Freunden dort verabredet … ich wollte aber mit ihr alleine sein. Ich war sauer und meinte, das sie dann eben mit denen losziehen soll, ich komme nicht mit. So geschah es dann auch. Eine halbe Stunde später bin ich dann heulend durch Berlin und habe sie gesucht. Das LSD hat mir da nicht gerade geholfen und der Tag wurde zu einem Horrortrip. Irgendwann abends bin ich dann alleine nach Hause. Es war Wochenende und Lucy sah ich dann wieder am Montag. Sie war komisch. Ich fragte sie, was denn los sei und sie meinte, das sie nach Hause getrampt sei und unterwegs vergewaltigt wurde.

Vergewaltigung war schon immer ein sensibles Thema für mich. Das ganze wurde verstärkt durch die Beziehung, die ich vor Lucy hatte. Der Sex in dieser Beziehung war schwierig. Sie hatte oft Schmerzen beim Sex und hat es verschwiegen. Hinterher lag sie dann auf der Seite und hat geweint vor Schmerzen. In den Momenten fühlte ich mich so, als ob ich meine eigene Freundin vergewaltigt hätte. Das hat eine Menge Streit gegeben, aber mich auch sensibler gemacht.

Nun denn, natürlich gab ich mir die Schuld an ihrer Vergewaltigung. Wenn ich dagewesen wäre, wären wir gemeinsam im Zug zurück und es wäre nicht dazu gekommen. Ich hatte sie im Stich gelassen. Abends, als ich zurück im Obdachlosenwohnheim war, hatte ich mir dann, nach einigen Flaschen Wein, versucht die Pulsader aufzuschneiden. Ja, diletantisch, aber geblutet hat’s wie Sau. Irgendwie wollte ich aber doch nicht, ja, wohl einfach der berühmte ‚Hilfeschrei‘ und hatte den Aufpassern da gesagt, sie sollen doch mal bitte einen Krankenwagen rufen da ich versucht hätte mir die Pulsadern aufzuschneiden. Der eine ist noch hoch in mein Zimmer um zu schauen, die Blutlache auf dem Boden hatte ihn dann überzeugt. Mitten in der Nacht dann in’s Krankenhaus und genäht worden. Der Chirurg war ein Arschloch gewesen, hat mich fertig gemacht, sich darüber aufgeregt das er so jemanden zusammenflicken muss, usw.. Genäht hat er mich trotzdem. Danach bin ich dann in die Klapse gefahren worden und saß vor einem Oberarzt. Der kam mit so Dingen wie ’sie sind doch ein intelligenter, junger Mann‘, da hatte ich dann gar nicht mehr zugehört. Nun denn, ich durfte dann wieder gehen.

Am nächsten Tag trafen Lucy und ich uns wieder. Sie sah den Verband, fragte was passiert wäre und meinte, das sie nicht die Verantwortung für mein Leben übernehmen könnte und machte deswegen Schluss mit mir. ‚Das Herz gebrochen‘ trifft nicht mal annähernd was ich da gefühlt habe. So etwas hatte ich bis dahin noch nie erlebt. Klar, Liebeskummer kannte ich, aber das hier nicht. Es war als hätte man mein Herz herausgerissen, mich innerlich ausgehöhlt und dann mit Schmerzen aufgefüllt.

Im Bonner Loch lernte ich dann eine andere Frau kennen, sie verliebte sich in mich. Gefühle für sie hatte ich nie, das Loch das Lucy gerissen hatte, hätte das gar nicht zugelassen. Sie war Ex-Junkie, Heroin. Als ich erfuhr was dieses Zeug mit einem macht, hatte ich sie dann irgendwann dazu erpresst mir den ersten Schuss zu setzen. Ich fragte sie was ihr lieber sei, das ich das im Bonner Loch selber mache und vielleicht an einer Überdosis krepiere oder das sie das hier macht. Noch zwei mal musste sie mir einen Schuss setzen, danach konnte ich das dann selber. Heroin tötet dich, ohne das du stirbst. Es nimmt dir Schmerzen, seien es körperliche oder seelische, es betäubt deinen Körper, es betäubt deinen Geist. Das ganze Leben dreht sich irgendwann nur noch um die Droge und darum ‚gesund zu sein‘, d.h. keinen Entzug zu haben. Morgens ging der erste Griff immer zur Spritze.

Zeitstempel kann ich den Ereignissen in den folgenden vier Jahren nicht mehr verpassen, daher erzähle ich einfach noch ein paar Episoden. Lucy war immer wieder in meinem Leben in diesen Jahren, doch waren wir nie wieder zusammen. Wir hatten für eine Weile sogar eine gemeinsame Wohnung. Irgendwann war sie auch auf Heroin. Am Anfang hatte sie das nur geraucht, später musste ich ihr dann die Spritzen setzen, weil sie selber es nicht konnte. Sie ging auf den Strich um den Konsum zu bezahlen. Ich liebte sie immernoch so wie am Anfang.

Die Zeiten in denen wir zusammen wohnten waren die Hölle für mich. Nicht nur das sie mit anderen Männern für Geld Sex hatte, nein, sie schlief noch mit anderen Männern in unserer gemeinsamen Wohnung, im Bett keine fünf Meter von meinem entfernt. Sie machte mich systematisch fertig, gab mir die Schuld daran wie es ihr geht. Sagte ich sei Schuld daran, das sie auf den Strich ginge, schließlich bezahlte sie ja auch für meine Drogen. Manchmal, wenn sie nachts nach Hause kam, hatte sie ihrer Wut dann freien lauf gelassen. Ist über mich hergezogen, hat mich fertig gemacht. Ich tat so als würde ich schlafen, doch ich habe jedes Wort gehört. Ihre Stimme veränderte sich in diesen Momenten und ich war wie gelähmt. Ich erduldete ihre Hasstiraden und zerbrach jedesmal ein wenig mehr.

Trotzdem hatte ich sie immer wieder bei mir aufgenommen, trotzdem war ich für sie da wenn es ihr scheiße ging, trotzdem habe ich versucht sie zu trösten, trotzdem heulte ich Rotz und Wasser vor Angst, wenn sie auf den Strich ging.

Es gibt noch so viele andere Episoden, die in meinen Erinnerungen erhalten blieben. Ja, es sind sogar ein paar schöne dabei. Aber das muss nicht mehr sein jetzt. Das Kapitel Lucy ist geschlossen und so soll es bleiben.

Epilog: Viele Jahre später erfuhr ich dann ein paar Dinge von ihr über diese Zeit. Die Vergewaltigung nach der Loveparade war eine Lüge gewesen und hat nie stattgefunden. Weiter hatte sie mich systematisch kaputt machen wollen über die Jahre, hat mir mit Vorsatz die Schuld an allem gegeben um mich zu brechen. Ich habe mit den Folgen dieser Jahre immer noch zu kämpfen. Was meinen psychischen Zustand angeht, war sie die zweite große Katastrophe, nach meiner Kindheit und Mutter. Ich bin froh das ich die Gefühle zu ihr endlich los bin und versuche über das alles so wenig wie möglich nachzudenken. Was sie mir und ich mir selber in diesen Jahren angetan habe wird mich bis an mein Lebensende begleiten, damit muss ich eben leben.

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