Vater sein …

… habe ich in den Sand gesetzt. Ich muss ein wenig ausholen hier. Ich bin verheiratet, seit elf Jahren und habe mich vor knapp einem Jahr von meiner Frau (ich nenne sie ab hier Sam) getrennt. Wir bewohnen die gleiche Wohnung, jedoch habe ich mein eigenes Zimmer. Sie brachte einen Sohn mit in die Ehe, der mittlerweile außer Haus ist und wir haben eine gemeinsame Tochter (ich nenne sie ab hier Amy). Amy ist nun etwas über zweieinhalb Jahre alt.

Ich selber hatte nie wirklich einen Vater in meinem Leben. Mein leiblicher Vater (an Krebs gestorben) war wohl ein Arschloch und meine Mutter hatte sich von ihm getrennt, als ich noch recht klein war … und mein Stiefvater (Selbstmord) hatte mich mehr oder weniger ausgepeitscht als Bestrafung. Das hinterlässt nicht so wirklich das tolle Vaterbild. Ich habe keine Ahnung wie man als Vater sein muss, habe es nie erlebt. Und doch, in den Momenten in denen ich an’s Vater-sein dachte, wollte ich alles besser machen, ein Bilderbuchvater.

Als Sam dann schwanger wurde, wollte ich Vater sein. Meine Chance ein Leben heranwachsen zu sehen, ein Kind, mein Kind, von Geburt an durch’s Leben geleiten. Ich wollte ein fürsorglicher, verständnisvoller, aber strenger Vater sein. Erziehung ist wichtig. Als Amy geboren wurde und ich sie das erste Mal gesehen habe … dieses kleine Ding, völlig hilflos, unberührt von der grausamen Welt … ich musste weinen. Meine Tochter, mein kleines Mädchen. Sie das erste Mal im Arm zu halten war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich war mir so sicher, das ich das alles hinbekomme, das ich für sie da sein kann … doch dann kam die schmerzhafte Ernüchterung.

Ich habe einen fürchterlich festen Schlaf, neben mir kann eine Bombe hochgehen, ich schlafe weiter … und ich habe meine Tochter nachts nicht weinen gehört. Ich habe einfach nicht darauf reagiert. Sam meinte dazu, sie sei eben Mutter, da wäre das eben so, das man das Kind hört. Und ich dachte mir … aber du bist doch Vater, warum kannst du das nicht? Warum hörst du deine Tochter nicht weinen? Was stimmt nicht mit dir? Was bist du bloß für ein Arschlochvater, genauso wie die, die du hattest. Unfähig dich um deine eigene Tochter zu kümmern. Unfähig der Verantwortung, die du doch wolltest, nachzukommen. Was stimmt nicht mit dir? Bist du wirklich so kaputt? Ist sie dir egal? Kümmert es dich denn nicht, wenn sie weint?

In der Zeit nach der Geburt, war Sam einige Tage schlimm krank und ich musste mich um Amy kümmern, auch nachts. Ich bin wach geblieben aus Angst ich könnte sie nicht hören. Ich habe die ganze Nacht neben meiner schlafenden Tochter gesessen, sie angesehen, kaum geatmet und da ist endgültig etwas in mir zerbrochen. Da liegt dieses kleine Wunder, ein Teil von dir, ein Leben für das du die Verantwortung mit übernommen hast und du bist unfähig dich um sie zu kümmern. Das was du dir so sehr gewünscht hast, Vater zu sein, wurde zu einem Luftschloss. Der ewige Versager. Es tat so weh, so furchtbar weh. Ich hatte neben Amy gesessen und geweint, so leise es eben ging. Ich war so fertig, fühlte mich so wertlos, minderwertig … und konnte es einfach nicht verstehen, wie man für so ein kleines Wunder nicht in der Lage sein kann, zu sorgen.

Ich weiß nicht, wie viele von euch das nachvollziehen können … ich finde selber kaum Worte um das zu beschreiben was ich empfunden habe … und schreibe das meiste hier mit Tränen in den Augen.

Die Konsequenz von all dem war, das ich mich immer mehr zurückzog … das ich die Versorgung komplett an Sam abgab … sie ist ja Mutter, sie kann das ja wie von Zauberhand. Es ist zu der Zeit noch vieles mehr zerbrochen, auch die letzten Reste zwischen Sam und mir.

Vor kurzem nun, hatte Sam mir gesagt, das das überhaupt nicht von Zauberhand passiert ist, das sie, vor der Geburt ihres Sohnes, wochenlang geübt hat das Babyphone zu hören. Das ihr nicht alles zugeflogen ist, nur weil sie eben Mutter ist. Das war wie ein Schlag in’s Gesicht, mit einer Schaufel. Ich wusste nicht was ich empfinden sollte in diesem Moment … wenn ich das früher gewusst hätte, wenn ich das doch früher gewusst hätte. Eine Woge aus Wut und Verzweiflung überrollte mich.

Ich höre das Babyphone immer noch nicht. Ich bin so aus allem draußen, das ich fast schon Panik bekomme, wenn ich Amy die Windel wechseln soll, was dann auch Sam übernehmen muss. Ich habe keine Ahnung von ihrem Tagesplan, was sie am liebsten isst, was sie am liebsten anzieht. Ich finde mich in ihrem Kleiderschrank nicht zurecht, verwechsel Kleidungsstücke. Ich bin ein Versager … der mieseste Vater den man sich vorstellen kann. Und warum? … Unwissenheit und jemand der nicht zugeben wollte, das es sehr wohl Arbeit ist/wahr.

Ja, sicher hätte ich mich selber schlau lesen müssen … aber es war doch Sam’s zweites Kind, sie hatte doch Ahnung und Übung.

Heute, wenn Amy mir einen Kuß gibt, wenn sie ‚Papa lieb‘ sagt, weiß ich einfach nicht was sie da als liebenswert sehen kann. Ich war nicht für sie da, weil ich dachte ich sei unfähig. Habe mich komplett ausgeklinkt aus allem. Wie kann sie sich so freuen mich zu sehen? Ich habe das nicht verdient. Ich bin ein Rabenvater. Ich habe ihre Liebe nicht verdient.

Nun muss ich schauen, wie ich das, was so komplett kaputt gegangen ist in den letzten zweieinhalb Jahren wieder gerichtet bekomme. Ich weiß nicht wo ich anfangen soll und das Gefühl, das ich als Vater bereits jetzt versagt habe, hält mich in eisernem Würgegriff. Das Gefühl der Unfähigkeit sitzt so tief … die Enttäuschung … die Verzweiflung.

Ich habe das so noch nie aufgeschrieben, habe das so noch niemandem erzählt. Ich schäme mich so fürchterlich. Es tut mir so leid, Amy, das ich nicht für dich da war. Bitte verzeih‘ mir, ich war ein Idiot. Es tut mir so leid.

… ich kann jetzt nicht mehr weiter schreiben

Ein Kommentar zu „Vater sein …

  1. Bevor ich diesen Blog nun gänzlich meide, hier noch ein paar ‚öffentliche‘ Worte.

    Ich wünschte, wir hätten dies und mehr rechtzeitig kommuniziert.
    Was kann ich nun noch sagen oder tun?
    Ja, ich weiß – lassen wir das.

    Du bist und warst kein schlechter Vater oder ein Versager. Diese innere Haltung haben Dir andere auferlegt. Löse Dich von dieser Kette.
    Das ist auch eine meiner Baustellen. Es ist nicht nötig zu sagen, dass dies eine große Aufgabe ist. Damit anzufangen, ist jedoch ein verdammt guter Schritt in die richtige Richtung.
    Erhebe Dich darüber hinweg, wie es in Deiner Kindheit gewesen ist!
    Versuche zu vergessen, wie ich als Mutter und als Frau auf Dich wirken wollte – es war eine Illusion. Nicht nötig, das weiß ich heute. Es hätte einfach gereicht, zu zeigen, wer/wie ich im Ganzen bin.
    Ich kann nur wiederholen, wie unendlich leid es mir tut, das ich Dir die starke Mum vorgespielt habe, doch vor Dir als ‚Versagerin‘ dazustehen, das ging gar nicht, das geht immer noch nicht – aber immerhin ist die Katze aus dem Sack.
    Ich habe damals nicht geahnt, wie zerbrechlich das ganze Gebilde zu diesem Zeitpunkt schon war.
    Ach Blödsinn, ich war zum einen, viel zu sehr damit beschäftigt, meine Maske aufrecht zu halten und zum Anderen viel zu stark in der selbst konstruierten Abwärtsspirale gefangen. Und als ich was sagen wollte, war es bereits zu spät.
    Ich kann Dir nicht nahebringen, wie traurig, verzweifelt und hilflos ich deswegen bin.
    Ich bin mitschuldig.
    Schuldig, weil ich nur mich und meine Ängste sah.
    Schuldig, weil ich zuließ, das Du Dich zurückgezogen hast.
    Schuldig, weil ich im entscheidenden Moment zu feige war, mich zu offenbaren.

    Bitte ergreife die Gelegenheit beim Schopfe, euch trennt nur ein kleiner Flur.
    Sie wartet auf ihren Retter.
    „Papa <- groß lieb und jetzt komm mal mit Mama Yoha – Sonne aaaaauf" 'Dong'.

    Ich könnte nun mit dem üblichen Gefühlsdingens schließen, doch Du weißt ohnehin wie es da um mich steht.

    Also dann, 'Blog heil' oder so. 😉

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