Es ist schon krass …

… da eröffnet man einen Blog auf einer internationalen Blogging-Platform und stolpert über jemanden, der direkt um die Ecke wohnt.

Ich hatte ihre Posts ja schon gestern, bzw. heute nacht, gelesen, auch diesen hier. Es ist schon krass was Eltern ihren Kindern antun, in dem fürchterlichen Irrglauben das richtige zu tun. Alleine die Kellerzimmer, unglaublich. Und es ist interessant, wie unterschiedliche Auslöser zu dem gleichen Ergebnis führen können.

Meine Mutter war … nein, sie war nicht offensichtlich krank. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob sie nun psychische Probleme hatte, oder nicht … aber eigentlich muss ich davon ausgehen. Meine Mutter hat mich auch nicht angebrüllt, nein, meine Angst vor Ablehnung kommt daher, das ich einfach mit nichts zu meinen Eltern gehen konnte. Es hieß dann nur ‚haben wir dir doch gesagt‘, oder ‚deine Schuld, da können wir dir auch nicht helfen‘. Wahrscheinlich spielen da auch andere Dinge eine Rolle, zum Beispiel, als meine Mutter meinen Stiefvater heiratete, behielt ich als einziger den alten Familiennamen. Ich hatte also schon durch den Nachnamen den Stempel des Außenseiters. Wie oft ich erklären musste, warum ich nun so heiße, und der Rest der Familie so.

Alles was meine Mutter mir damals über meinen leiblichen Vater erzählte, waren richtig üble Geschichten. Er hatte sie betrogen, geschlagen, beklaut, war jähzornig, hat getrunken, … sie hat ihn immer in einem fürchterlichen Licht dastehen lassen. Da alle diese Ereignisse jedoch so früh in meiner Kindheit liegen, kann ich dazu nichts sagen. Ich musste ihr eben glauben. Wenn meine Mutter dann zornig auf mich war, hieß es immer, ‚du bist wie dein Vater‘. Jep, danke. Das will man hören.

Meine Mutter hatte die wunderbare Angewohnheit, bei Familientreffen, vor versammelter Mannschaft und meinem beisein, meine peinlichsten Dinge auszuplaudern. Jep, danke, vor der ganzen Familie lächerlich gemacht zu werden ist der Traum eines jeden Kindes/Jugendlichen. Ich weiß nicht wie sie damals auf den Trichter kam, das sei eine gute Idee.

Zeiten kann ich, ebenfalls, kaum nennen. Meine Erinnerungen bestehen nur aus Episoden, kurzem Aufblitzen von Szenen, teilweise in dritter Person. Das meiste ist einfach weg und ich denke es ist schon in Ordnung so.

Die Geburt meiner Halbschwester hatte ebenfalls recht unangenehme Folgen für mich. Klar, heute weiß ich, das das mehr oder weniger passieren musste, aber damals, ich war sieben Jahre alt, nein. Ich hatte schon einen anderen Nachnamen … und nun war da dieses schreiende Etwas, das die volle Aufmerksamkeit meiner ‚Eltern‘ bekam. Für mich kam das einem Ausstoßen gleich. Ich war eifersüchtig, glaube ich, wäre ja eine normale Reaktion.

Irgendwann began dann das, was später in psychologischer Folter endete. Ich weiß nicht ob das denen damals nicht bewusst gewesen ist, was sie da machen … ich hoffe sie wussten es nicht. Die Erziehungsmethoden meines Stiefvaters bestanden aus Schlägen auf den nackten Hintern. Zuerst nur mit der Hand, später dann mit allem was eben greifbar war … Kochlöffel, Kleiderbügel … und zum Schluss, ich ging zu der Zeit reiten, eben eine Reitgerte. War auch egal ob ich meine Hände dazwischen hatte … ein Kochlöffel ist sogar an meiner Hand zerbrochen. Wenn ich zurück denke, fühle und sehe ich die roten, breiten, dicken, brennenden Striemen, die diese verfluchte Reitgerte hinterließ. Die Steigerung dessen war dann am Ende, das meine Mutter meinem Stiefvater bereits auf der Arbeit bescheid sagte, wenn ich wieder ‚Mist gebaut‘ hatte, in mein Zimmer kam und meinte, ‚wenn der heute Abend nach Hause kommt, kannst du was erleben‘. Ich saß also stundenlang, heulend vor Angst in meinem Zimmer, sah und spürte bereits das, was mich später erwartete … bei jedem Schlüsselgeräusch im Hausgang zuckte ich zusammen … wenn er dann endlich da war und es los ging … das war schon fast eine Erlösung.

Irgendwann hatte er auch meine Schwester geschlagen … ich lag im Zimmer nebenan, hörte sie schreien und wollte diesen Mann umbringen … ich wollte ihn wirklich umbringen … oder ich flehte er solle doch mich schlagen, anstatt meiner Schwester.

Ich began mich unsichtbar zu machen … wenn ich nicht da bin, kann ich keinen Ärger machen also gibt es keine Schläge. Und trotzdem hörte es nicht auf … in der Pupertät entlud sich das dann bei mir. Ich begann gegen Dinge zu schlagen, zu treten, Mülltonnen anzuzünden, Sachen zu demolieren. Aus Angst vor noch mehr Ärger, stellte ich das jedoch irgendwann ein, und ging gegen das einzige Opfer das übrig blieb, mich. Die ersten Schnitte mit meinem Schweizer Messer hatte ich dann bereits relativ früh in meiner Jugend gesetzt. Ich war so voller Wut und Zorn. Ich hatte Momente in denen ich förmlich ausgeklinkt bin. In einem dieser Momente hätte ich beinahe meine Schwester erwürgt, laut Erzählungen meiner Mutter.

Ja, meine Mutter hat das mit den Schnitten schon mitbekommen … aber Krankheiten, ganz besonders psychische, gab es nicht in dieser Familie, durfte es nicht geben.

Mit fünfzehn Jahren, denke ich, hörten die Schläge dann auf. Mein Stiefvater war mittlerweile jeden Abend betrunken … er hat sich ja am Ende nicht ohne Grund umgebracht.

Die ewigen Sprüche meiner Mutter … ‚aus dir wird eh nichts wenn du so weiter machst‘‚dann werde doch Kehrmännchen‘ … und nichts was ich machte war richtig. Irgendeine Kleinigkeit fand sie immer und machte dann alles andere zunichte. Ich konnte neun von zehn Dingen perfekt erledigt haben … wenn das zehnte nicht ebenso war, gab es die anderen einfach nicht. Auf meine Noten gab’s entweder Schläge, oder ein ‚das hätte aber besser sein können‘.

An Liebe von meinen ‚Eltern‘ kann ich mich nicht erinnern. Da ist keine Umarmung in Erinnerung geblieben, wahrscheinlich gab es auch keine. Ablehnung und ausgrenzen … daran erinnere ich mich. Ich durfte sehen wie ich alleine klar komme, hilfe hatte ich von denen nicht zu erwarten, auch wenn ich fragte … und irgendwann fragte ich nicht mehr.

Die Zeit, vor meinem Stiefvater, in der ich mit meiner Mutter alleine war. Das ewige Geschimpfe über meinen Vater, wie sie mich mit Abscheu mit ihm verglich … einem prügelnden Säufer … kein Wunder das ich ein Problem mit männlichen Bezugspersonen habe und das ganze nur mit Frauen wirklich funktioniert. Der Zorn in mir … die Angst ich könnte tatsächlich sein, wie mein ach so fürchterlicher Vater …

Materiell hatte ich eine Menge … mein eigenes Zimmer, und eine ganze Menge von dem das ich mir hätte wünschen können … aber ich gehörte eben nicht dazu. Ich war das Abbild des Ex-Mannes meiner Mutter … und so wurde ich behandelt.

Es gab noch so viel mehr … viele Kleinigkeiten … die Summe der Teile hat dann den Schaden angerichtet. Meine Mutter meinte mal zu mir, ‚wieso, war doch alles in Ordnung in eurer Kindheit‘. Jup, voll.

Die Aggressionen, die Wut, die Angst vor mir selber, Minderwertigkeitskomplexe, Angst vor Menschen zu sprechen, Angst mich lächerlich zu machen, Angst ausgelacht zu werden, Angst vor Ablehnung, das Gefühle alleine zu sein, das selbst verletzende Verhalten, Rückzug als Konfliktlösung, Vermeidung von Konflikten durch lügen, Angst vor Konflikten, … hm, so dahingeschrieben ist das schon eine Menge … und da fehlen noch Dinge … alles das, verdanke ich meiner Kindheit, die ja ‚in Ordnung war‘.

Ich habe mit meiner Mutter wieder Kontakt, unregelmäßig, aber sie ist inzwischen zu alt und reden bringt da nichts mehr. Mein Stiefvater hatte später noch eingeräumt, das da nicht alles in Ordnung war damals und das er das so nie gewollt hatte. Wie gesagt, Selbstmord. Mein Vater ist ebenfalls tot, Krebs.

Es würde aber auch nichts mehr ändern … die Probleme die ich habe würden dadurch nicht ausradiert.

Ich belasse es erstmal dabei und erzähle vielleicht später noch, was dann während der Abizeit passierte und den weiteren Männern meiner Mutter.

Es ist so traurig … Ablehnung, Anschreien, Schläge, Kellerzimmer … wie konnten unsere Eltern damals denken, das das gut für uns wäre? Nun gut … wir stehen nun hier, teilweise unfähig unseren Alltag zu bestreiten … alleine, so wie schon zu der Zeit, als wir noch Kinder waren. Danke dafür, Mutter.

2 Kommentare zu „Es ist schon krass …

  1. Beim Lesen stockte mir teilweise gerade der Atem. Es tut mir unfassbar leid was dir angetan wurde. Deine Mutter wird sicherlich auch Probleme gehabt haben – sonst hätte sie nicht solche Männer ausgewählt. Aber das rechtfertigt nicht so ein Verhalten gegenüber einem Kind, dass sich nicht wehren kann. Sie hätte deinen Stiefvater stoppen müssen anstatt ihn zu unterstützen. Vermutlich hätten beide selber Hilfe gebraucht, aber anstatt diese zu holen haben sie den Frust an ihren Kindern ausgelassen. Sie hätte dir zumindest den Glauben an einen liebevollen Vater lassen können. Bei dir kommen so viele Dinge zusammen, ich weiß gar nicht was ich dazu sagen soll. Es ist ganz logisch, dass daraus verschiedene Probleme resultieren, die auch im Erwachsenenalter bleiben. Leider sehen viele Menschen nicht die Gründe dafür, warum wir so sind wie wir sind. Ich hoffe, du findest ein paar Menschen die dich akzeptieren wie du bist und auch verstehen warum du so bist. Das “so bist“ soll nicht negativ klingen, ich habe einen sehr positiven Eindruck von dir. Ich wünsche mir oft, ich hätte eine andere Kindheit gehabt. Aber ich weiß auch, dass ich dann wahrscheinlich nicht der Mensch wäre der ich heute bin. Ich gehe davon aus, dass es bei dir ähnlich ist. Du hast wahrscheinlich mehr Verständnis für Menschen denen es nicht gut geht, als andere Leute

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  2. Ich danke dir. Es ist gar nicht mehr so schlimm das zu betrachten oder niederzuschreiben. Mittlerweile habe ich genügend Abstand.

    Das „so bist wie du bist“ habe ich nicht negativ aufgefasst. Ich weiß das ich anders bin, und du weißt das ja auch von dir. ‚Anders‘ heißt ja nicht immer schlecht … und was ’normal‘ ist, ist Definitionssache.

    Ja, das was der ganze Mist aus uns gemacht hat, ist ja am Ende nicht _nur_ negativ, es hat auch gute Eigenschaften hervorgebracht. Und ja, wenn ich Sinn darin sehe, kann ich sehr gut auf Menschen eingehen, die ähnliche Probleme haben wie ich oder denen es schlecht geht. Ich war so weit unten, gesellschaftlich, seelisch und körperlich … viel tiefer wäre es wohl nicht gegangen … daher verstehe ich wohl viele Menschen in ihren schlecht Zeiten recht gut.

    Danke das du den Post gelesen hast. Weißt du, ich sage zwar immer das ich niemanden brauche, mit den Menschen nichts zu tun haben will … aber es gibt Ausnahmen. Und im Grunde sehne ich mich danach jemanden zu haben, mit dem man reden kann, der auch mal zuhören kann und dem ich mich nicht ständig erklären muss … oder mich gar gegenüber rechtfertigen muss. Ich weiß das ich ne Menge Mist gebaut habe … und teilweise auch immer noch tue. Aber es gibt mehrere Arten mir das mitzuteilen.

    Nun denn, ich bin müde aber der Schlaf will nicht ankommen, trotzdem sollte ich aufhören zu schreiben. Wie schon gesagt, fühle dich frei hier zu lesen, wenn es dir nicht zu negativ ist oder dich gar belastet oder runterzieht. Siehe das nicht als Verpflichtung an, bitte. Danke für deine Kommentare heute, hat mir wirklich gut getan.

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