Eigentlich ist es nicht SVV …

… sondern SSV. Meiner Meinung nach. Nein, nicht das Verkaufsdingens sondern ‚Selbst schädigendes Verhalten‘. Ein Blog Post, den ich vorhin gelesen habe, hatte mich daran erinnert.

Sich selber verletzen projeziert bei vielen direkt das Wort ‚ritzen‘ in den Kopf… ich hasse dieses Wort… klingt verharmlosend, niedlich, infantil. Ich schneide mich und das aus einem Grund. Egal.

Worauf ich hinaus wollte ist, das mir irgendwann klar wurde, das es eben nicht nur das Schneiden ist. Nein, mein Drogenkonsum bis an’s Limit, saufen bis ich kaum noch laufen kann, Schmerzen ertragen obwohl ich es nicht müsste. Es gibt so vieles.

Man darf nur nicht anfangen, Gespenster zu sehen. Wenn ich mal nicht esse, obwohl ich Hunger habe, ist es nicht direkt SVV, kommt immer auf die Umstände, die Motivation, das Gefühl dahinter an. War es Freud der meinte, ‚manchmal ist eine Zigarre einfach nur eine Zigarre‚? Aber ignorieren sollte man es trotzdem nicht, Substitutionshandlungen sind nicht unbedingt viel besser, es sei denn es handelt sich um harmlose Skills.

Ja, es tut weh wenn man bemerkt was man sich alles antut. Selbstreflektion ist unbedingt notwendig, allerdings DBT-like, nicht bewertend. Sich objektiv zu analysieren, in Ruhe, ist fürchterlich hilfreich. Dieser ‚dumme‘ Spruch, ‚Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung‘, ist leider gar nicht so dumm. Wenn man seine Probleme nicht kennt, nicht weiß, wie man wann reagiert, kann man auch nichts dagegen tun.

Am Anfang hatte ich das Gefühl, das der Berg der Probleme zu groß ist. Mich haben die ganzen neuen Erkenntnisse total fertig gemacht… ich fühlte mich immer kaputter. Doch hat sich mit der Zeit herausgestellt, das extrem viel miteinander verknüpft ist. Das eine bedingt das andere, oder fördert es. Das war die zweite, wichtige Erkenntnis. Nun sind die vielen kleinen Dinge zu einigen wenigen zusammengerutscht. Alles ist überschaubarer, weniger erschlagend.

Nein, dadurch löst sich nichts in Luft auf, aber man bekommt eine realistische Chance, etwas zu ändern. Wir können so viel an uns arbeiten, so viel beeinflussen und ändern. Ich musste mir eingestehen, das ich an vielen Stellen mir selber im Weg stand. Manchmal wollte ich keine wirkliche Veränderung, hatte Angst oder war einfach blind. Ich kann tatsächlich meine Stimmung beeinflussen, ein Grund warum Antidepressiva bisher auch höchstens gegen meine Fibro geholfen haben. Nur will ich tatsächlich ganz oft nicht. Manchmal hatte es sich so angefühlt, als könnte ich nicht… doch war das wohl eher Selbstbetrug.

Ja, ist scheiße sich das einzugestehen. Und, nein, ich bin nicht Schuld daran, wie es mir geht, aber ich kann Einfluss darauf nehmen und das ist wichtig. Und, nein, wenn man es nicht schafft, ist man nicht schlecht, ein Versager oder ähnliches. Ich bin so in diese Rolle gedrängt worden, es ist zu meiner Normalität geworden. Sich schlecht fühlen wurde zu meinem Lebensinhalt. Ja, natürlich haben da viele mitgeholfen, das ich nun so bin, wie ich bin, meine Eltern, Stiefvater und besonders meine Mutter … und einige mehr.

Nein, auf die Schuldfrage gehe ich hier nicht ein. Das ist für mich kein Thema. War scheiße damals, wir alle haben Mist gebaut, die Schuld gebe ich da niemandem, bringt nichts. Ich darf die Suppe eben nun auslöffeln, weil viele tot und andere nicht mehr in der Lage sind, darüber zu reden. Helfen kann mir von denen eh keiner dabei, meinen Alltag und mein Leben zu bewältigen. Klar, ich kann fast alle meiner heutigen Probleme auf Ursachen in Kindheit und Jugend zurückführen. Ich weiß wo was herkommt. Die vier Jahre Heroin aber, zum Beispiel, waren meine Entscheidung. Das ich mit fünfzehn anfing zu rauchen und zu kiffen, war meine Entscheidung. Das ich da bereits erste Selbstmordversuche hinter mir hatte, wird wohl meine Entscheidung beeinflusst haben, natürlich, ebenso meine Stimmung, meine Außenseiterrolle, die kaputte Familie, die Einsamkeit, usw.. In gewisser Weise konnte ich mich wohl damals nicht anders entscheiden … trotzdem habe ich diese Entscheidung getroffen. Hätte ich sie ändern können? Wohl kaum.

Nein, wie ihr lesen könnt ist nun nicht alles einfach und toll bei mir. Ich habe Fortschritte gemacht, ja, ich habe mich verändert. Trotzdem muss ich kämpfen, immer wieder auf’s Neue. Selbst meine bereits vierzehn Jahre zurückliegende Heroinsucht klopft immer wieder an … und ich muss jedesmal erneut ‚Nein‘ sagen. Die Zeit auf der Strasse, in den Obdachlosenwohnheimen, im Bonner Loch … all das hat mich verändert und nicht alles zum schlechten. Der ganze Müll, der mir aufgedrückt wurde, hat hier und da auch versteckte Schätze. Einer dieser Schätze ist die Art und Weise, wie ich Emotionen erleben kann.

Joa, jetzt dreht er durch, was? Das ist doch etwas worüber ich mich ständig beschwere, right? Richtig, aber es gibt bei dieser Sache zwei Seiten. Ich kann mich mit Musik in alle möglichen Gefühlszustände versetzen und kann diese dann, gewollt, ebenso intensiv erleben, wie es mir ansonsten so oft aufgezwungen wird. Ich habe schon minutenlang da gesessen, heulend vor Freude, grinsend von links nach rechts, völlig berauscht … so etwas habe ich nie vorher erleben können, egal welche Droge ich auch ausprobiert hatte … und ich hatte die meisten. Normalerweise greift da eine automatische Bremse, damit ich nicht in der Bahn anfange zu heulen, weil z.B. VNV Nation – Illusion läuft, aber ich kann diese Bremse abschalten … hat gedauert, aber es geht. Ja, die Umstände müssen stimmen, die Tagesform passen, die Musik stimmen, … klappt nur selten … aber wenn es klappt … ich kann das gar nicht in Worte fassen.

Die Empathie, meine Menschenkenntnis, mein Einfühlungsvermögen … all dies sind weitere Beispiele dafür, wie mein Profil aus dem Müll auch Gutes hervorgebracht hat. Jep, der Preis ist hoch … aber ich möchte lieber so sein, als wie manch anderer. Ja, auf eine seltsam perverse, masochistische Art bin ich irgendwie stolz darauf anders zu sein. Wer weiß wer ich ansonsten wäre … wer weiß welche Wege ich ansonsten gegangen wäre. Keine Ahnung … aber ist auch unwichtig, denn ich bin nun so, wie ich eben bin und manchmal, manchmal finde ich das sogar beinahe gut.

TL;DR: Man kann sich auf viele Arten selber verletzen, sichtbare Verletzungen sind gar nicht notwendig, doch kann man mit Selbstreflektion eine Menge erreichen. Ein anstrengender Weg, aber es lohnt sich ihn zu gehen … und bloß nicht entmutigen lassen. Die DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie) hat da echt ein paar hilfreiche Ideen, kann ich nur empfehlen sich das mal durchzulesen. Und, klingt lächerlich, aber das hier auch: Kopf hoch – das kleine Überlebensbuch. Man muss ja nicht alle Übungen genauso machen, habe ich auch nicht … aber es hilft tatsächlich … interessanter weise.

Nun denn, ich bin ja wieder fleißig am arbeiten … diese scheiß Prokrastinationsgeschichte nervt mich tierisch. Ich versuche mal noch etwas zu arbeiten. Wollte das nur loswerden … mal ein fast positiver Post, ist doch auch mal was.

 

4 Kommentare zu „Eigentlich ist es nicht SVV …

  1. Ein sehr umfangreicher Beitrag, von dem ich auf ein paar Teile näher eingehen will…
    Du scheinst wirklich ein sehr sensibler und empathischer Mensch zu sein, vorallem wirkst du sehr reflektiert auf mich. das ist beeindruckend wenn man bedenkt, was du schon alles erlebt hast. (und das meiste davon weiß ich wohl gar nicht) In deinem Text sind viele für mich hilfreiche Gedanken enthalten und viele Dinge kommen mir bekannt vor, wenn auch vielleicht in abgeschwächter Form.
    Ich merke bei mir selbst oft, dass ich gerne traurig bzw melancholisch bin. Ich bin an meiner Stimmung tatsächlich oft selbst schuld, wobei die Neigung dazu vielleicht durch andere Menschen bedingt ist. Man kann selbst Einfluss nehmen, aber ich denke, dazu braucht man viel Kraft und die haben psychisch kranke Menschen leider oft nicht. Wenn man es dann doch selbst schafft etwas zu ändern, finde ich das wirklich bewundernswert. Es ist außerdem toll wenn man kleine Dinge wie z.b. ein Lied so schätzen kann wie du. Ich denke mir auch oft, dass ich ohne die vielen negativen Gedanken in meinem Kopf, die positiven nicht so sehr fühlen könnte wie ich es manchmal tue. Ob man die Dinge mehr zu schätzen weiß? Keine Ahnung.. aber wenn ich merke wie glücklich mich kleine Dinge machen können weiß ich immer, dass noch nicht alles verloren ist. Ich hoffe es geht dir da ähnlich.
    Das Bonner Loch kenne ich übrigens, vielleicht kommst du aus der gleichen Ecke wie ich. Aber das nur am Rande..
    Danke auch für die Buchempfehlungen 🙂

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    1. Ich habe gefühlt ewig gebraucht für diese kleinen, oder vielleicht auch gar nicht so kleinen, Fortschritte … und es gibt noch so viel zu tun. Ich weiß auch, das ich Kleinigkeiten tatsächlich mehr zu schätzen weiß als früher. Wenn ich die Augen mal richtig aufmache und genau hinschaue, gibt es tatsächlich sogar schöne Dinge in der Welt. Ich will das nicht immer, genau wie du sagst, manchmal will ich melancholisch sein, manchmal will ich heulen und manchmal will ich tanzen.

      Und, ja, wir kommen wohl tatsächlich aus der gleichen Ecke. Da du auf dem CSD warst, denke ich, das du da auch irgendwo beheimatet sein wirst. Und ich hause auf halber Strecke zum (ehemaligen) Bonner Loch. 🙂

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  2. Das man lange braucht ist wohl leider normal, aber immerhin kannst du kleine Fortschritte erkennen, das freut mich für dich.
    Wie klein die Welt doch ist, dass jemand aus meiner Ecke auf meinen Blog stößt. Ich wohne in Köln, komme aber aus Brühl. Kenne also auch Bonn gut.. so kleine, unwichtige Zufälle sind auch etwas, was mich manchmal irgendwie erfreut 🙂

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